Dennis Deutschkämer

Warum wollen Sie Anonymität im Internet?

Es erreichte mich folgende Frage:

Warum wollen Sie Anonymität im Internet?

Sehr geehrte Damen und Herren
Mir ist aufgefallen das Sie sich in Zeiten von sexuellen Missbrauch im Internet und der Edathy Affäre immer noch für die Anonymität im Internet einsetzen! Könnten Sie mir als erklärter Kinderschutzaktivist das bitte irgendwie erklären? Ich setze mich mit allen Kräften dafür ein das alle sich offen zu erkennen geben müssen damit kein Kind in Gefahr kommt von einen anonymen sexuell bedrängt zu werden!
Oder liegt in Ihrer Partei solche Tendenzen dazu vor das Sie solche Forderungen stellen?

Vielen Dank für ihre Anfrage.

Die Piratenpartei Deutschland stellt sich klar und entschlossen gegen jedwede Tätigkeit, die einem Kind kurzfristig wie auch langfristig physischen wie auch psychischen Schaden zufügen könnte!
Kinder und Jugendliche haben in unserer Partei einen besonderen Stellenwert!
Kinder und Jugendliche sind die Zukunft unseres Landes / unserer Welt / unserer Gesellschaft. Wir als Partei, streben viele neue Ziele und Wege im Bereich der Bildung und der frühkindlichen Förderung und Betreuung an, damit Kinder und Jugendliche mehr Freiraum erhalten, sich zu entfalten.
Wir sind eine Partei, die sich klar dem sozialem Miteinander verschrieben hat.

Auf die Aussage:

„Kind, du sollst es auf dieser Welt mal besser haben…“

entgegnen wir:

„Unsere Kinder leben in der Welt, die wir ihnen hinterlassen!“

Wir sind uns nicht nur der Verantwortung gegenüber unseren Kindern bewusst, sondern wir richten unser Leben und unsere Parteipolitik danach aus.
Welch einen hohen Stellenwert Kinder und Jugendliche für uns, die Piratenpartei Deutschland, in der Gesellschaft hat, lässt sich sehr gut in unserem Programm wie auch in unserer Gründungsgeschichte nachlesen.
In unserer Partei gibt es keine Tendenzen, welche Kindern Schaden wollen. Personen die diese Ansicht nicht vollständig teilen haben in der Partei nichts zu suchen.

Warum Anonymität?

Wir als Partei setzten uns dafür ein, dass Menschen ihre Meinungen Pseudonym und Anonym im Internet austauschen können.
Und das steht nun, wenn ich das richtig verstanden habe, ihrer Ansicht nach, in einem Widerspruch zum Kinderschutz.
In meiner Antwort werde ich erklären, warum wir uns für ein anonymes Bewegen durch das Internet einsetzten.

Gegen Vorratsdatenspeicherung

Im Internet ist es sehr leicht, Geräte zu verfolgen und ihren aktuellen Status zu bestimmen. Das ist häufig rein technisch begründet.
Wenn Ein Smartphone eine Forderung für eine Datei an einen Server stellt, muss der Server die Adresse des Fragestellers (IP-Adresse des Smartphones) kennen.
Vergleichbar wie im „realen“ leben die Postanschrift eines Menschen.

Eine Speicherung der „Adressdaten“ ist technisch gesehen nur für wenige Millisekunden notwendig.
Es gibt jedoch starke Forderungen aus der vergangenen und aktuellen Regierung, diese Verbindungstaten sehr lange (6 Monate) vorzuhalten – die sog. Vorratsdatenspeicherung (VDS).
Die Telekommunikationsunternehmen sollen dazu verpflichtet werden, ihre Bewegung im Internet zu speichern – wann und wie sie eine Anfrage an Server gestellt haben.
Sollten sie also Freitag um 18:00, tagesschau.de aufgerufen haben, wird das, inkl. der Verweildauer, auf den Servern ihres Providers (zusätzlich zum Server des Inhalteanbieters) gespeichert.

Wenn sie in einer realen Akte nachlesen können, zu welchen Zeiten sie welche Orte besucht haben, dann nennt sich das „Beschattung“. – Jemand wurde auf sie angesetzt um ihr Verhalten festzustellen.
Normalerweise wird ein Mensch überwacht / beschattet, wenn ein konkreter Verdacht zu einer bestimmten Straftat besteht. – Im Internet wäre das nicht der Fall.
JEDER Mensch soll verdachtsunabhängig überwacht werden und seine Bewegungen gespeichert werden.
Wir als Partei, sind gegen das erstellen von Bewegungsprofilen einzelner Menschen in der virtuellen wie auch in der realen Welt!

Gegen Klarnamen

Wir sind auch gegen eine Klarnamenpflicht auf Internetseiten.
Natürlich steht es jedem Dienst frei, in wie weit dieser Klarnamen vorschreibt oder nicht – von staatlicher Stelle darf so Etwas jedoch nicht gefordert werden!
Menschen muss eine Möglichkeit gegeben werden, unter Psydonym im Internet seine Meinung kund zu tun.
Menschen die Missstände in Unternehmen und Regierungen aufzeigen (Whistleblower) und jene die sich über die aktuelle Regierung oder über eine Religion unterhalten wollen, müssen das ohne Furcht vor Verfolgung tun können.

Gegen Zensur

Wir setzten uns auch gegen Zensur ein.
Frau von der Leyen machte einst den Vorschlag, Internetseiten in Deutschland zu sperren, auf denen kinderpornografisches Material zu sehen oder zu erwerben ist.
Vergleichen lässt sich das mit einem Sichtschutz.
Auf offener Straße wird ein Kind missbraucht, nun kommt die Polizei und baut einen Sichtschutz (Sicht-Sperre) um den Tatort.
Es wurde weder dem Kind geholfen, noch wurde der Täter bestraft.
Wir setzten uns dafür ein, dass kinderpornographische Internetseiten nicht gesperrt, sondern gelöscht werden. Nur dadurch werden diese Inhalte unterbunden.
Danach kann auch die Person hinter dem Angebot gefunden und bestraft werden.

Hinzu kam, dass die technischen Mittel zur Umgehung einer Internetsperre ein wenigen Minuten realisiert werden konnten. Menschen, die also an kinderpornografisches Material kommen wollten, konnten es auch weiterhin tun, jedoch hätte es eine Gesetzliche Grundlage zur Einführung einer Zensurinfrastruktur des Internets gegeben. Wenn es erst einmal eine Infrastruktur zur Zensur gibt, dann wird diese früher oder später auch für andere Interessen missbraucht werden, dies hat man kürzlich in der Türkei gesehen.

Und nun …?

Nun habe ich eine kurze Einsicht in das gegeben, wofür die Piratenpartei steht. Aber haben wir Lösungen oder diskutieren über geeignete?
Ja!
Die Überwachung eines jeden Gerätes eines jeden Menschen kostet Geld – viel Geld.
Von diesem Geld, kann man gute – legale – Strafverfolgungsbehörden aufbauen / ausbauen, welche sich auf den Straftatbestand des Kindesmissbrauch spezialisiert haben.
Es ließen sich Aufklärungs- und Hilfsprogramme von Kindern und Erwachsenen damit aufbauen und finanzieren.

Letzte Gedanken…

Es ist jedoch auch so, dass alle Methoden, die zur Überwachung aller Menschen genutzt werden, auch Kinder betreffen.
Wenn es also eine Klarnamenpflicht geben sollte, müssten auch Kinder und Jugendliche ihren Klarnamen im Internet preisgeben – ein gefundene Fressen für Stalker und Leuten die Kindern nachstellen wollen.

Auch die Speicherung der Verbindungsdaten kann gegen Kinder benutzt werden. Die Infrastruktur von Firmen (der Provider) ist niemals komplett sicher. Wenn also Mitarbeiter oder Menschen von außen, sich diese Verbindungsdaten zu eigen machen, können daraus sehr detaillierte Verhaltens- und Bewegungsmuster erstellt werden.

Ich hoffe, ich konnte ihre Frage beantworten.
Sollte sie weitere Fragen haben, schreiben sie gerne eine weitere eMail – oder rufen sie an [Telefonnummer]

Gruß
Dennis Deutschkämer

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