Von Piraten lernen, heißt …

24. September 2015

Auf dem diesjährige Digitalisierungskongress der Grünen gab es ein Barcamp, bei dem sich die Geschäftsführer Der Grünen NRW und vom Bund über die Zukunft der innerparteilichen Demokratie unterhielten.

 
 
Betitelt wurde die 90 Minuten Session etwas provokativ mit – „Von den Piraten lernen? – Wie nutzen wir Digitalisierung für unsere Partei?“
 

Die Grünen selber sehen, so wurde mir mehrfach auf der Veranstaltung gesagt, die Gründung der Piratenpartei als ein Versagen der Grünen an.
 

Da die Grünen versuchen wollen, diesen „Fehler“ zu korrigieren, wird nun viel Energie und Zeit investiert die eigene Partei attraktiver zu machen.
 

 
 
Das Barcamp fing mit einer kurzen Einleitung der beiden Geschäftsführer (Bund und NRW) an, und warum man glaube, dass die Piraten den Grünen in einigen Dingen wesentlich weiter sind. Danach folgte eine Vorstellung eines Jeden im Saal.
 

Mitglieder, Amtsträger, Mandatsträger sollten berichten, wo sie aktuell Verbesserungspotential bei der parteiinternen Mitbestimmung sehen, und wo sie die Grünen bis zum Jahr 2020 (dem 40-Jährigen Bestehen) gerne sehen würden.
 

Es wurde über den Katastrophalen (die Worte der Anwesenden) Bürgermeisterwahlkampf berichtet, bei dem die Grünen in einigen Kreisen in NRW sogar auf die Hilfe der Piraten zurückgegriffen haben (hier muss z.B. Neuss genannt werden).
 

Man hätte sich in unzähligen Kommunikationswegen verstrickt. Es wurde WhatsApp, Facebook aber auch die Normale SMS genutzt. All das ausgetauschte Wissen sei nicht archivierbar und gehe verloren.
 

Ich hörte, dass sich die Grünen endlich eine Kampagnenfähigkeit wünschen – Absprachen und Informationen finden einfach nicht schnell genug den Weg in und über die Partei, wodurch sehr viel wertvolle Zeit und Energie verschwindet.
 

Im Anschluss sagte mir jemand, dass der Eindruck mancher Grüner ist, dass wir Piraten alleine durch das „Shitstormen“ auf Twitter und Facebook gegen die Grünen, manchmal mehr Durchschlag erzeugen, als eine Kampagne der Grünen – es handelt sich hier aber um eine Einzelmeinung, und ich habe auch Probleme mir das vorzustellen.

 
 

Ein sehr großes Problem sei aber die parteiinterne Demokratie.
 
So beschwerte man sich sehr häufig, dass Software benötigt wird, damit es auf den Parteitagen nicht wieder 2000 (zweitausend) Änderungsanträge zu einem (!) Antrag gibt, und somit unglaublich viel Zeit draufgeht.

 
 

Es wurden immer wieder zwei Tools genannt

Wurzelwerk und Textbegrünung
 
Wurzelwerk, soll so etwas wie ein Organisationstool, aber vor allem auch Abstimmungstool sein. Welches laut der Allgemeinen im Saal, nicht genutzt wird, es sei tot (hat hier jemand LQFB gehustet?) das Interface sei unbrauchbar und es würde eine zweite Gesellschaft entstehen, denn, dass was online Diskutiert wird, wird noch lange nicht offline durchgereicht (und umgekehrt), so, dass viele Diskussionen doppelt geführt werden würden.
 
Textbegrünung ist, wenn ich das richtig verstanden habe, eine Etherpad Umgebung.
 
 

Anekdote am Rande – Es gab ein vorbereitetes Pad, aber jeder machte sich nur auf seinem Blattpapier Notizen, auch die Geschäftsführer, das Pad blieb bis zum Ende leer.

 
 
Der Bundesgeschäftsführer sprach von seinen Erfahrungen, von einer Umfrage, in der er die Mitglieder befragte, ob sie lieber einen Newsletter (und der damit verbundenen Investition der freien Gelder in andere Projekte) oder ein Fortbestehen der alten Parteizeitung auf Papier wünschen.
 
Über 60% sprachen sich für die Parteizeitung aus.
 
Er führte weiter aus, dass es die größte Aufgabe sei, Online und Offline zusammenzuführen. Es müsse quasi in einander fließend übergehen – hier dürfte meiner Meinung nach das größte und schwierigste Unterfangen liegen – denn, Diskussionen über einen, zur Diskussion stehenden, virtuellen 17. Landesverband, welcher nur Online existiert, halten die meisten für die falsche Richtung, und es würde nur zeigen, dass man die Partei nur über Krücken in digitale Zeitalter heben könnte.
 
Auch die –Nonliner- auszuklammern und nicht mehr in den Diskussionsprozessen der Partei einzubinden, wurde eine klare Absage erteilt.
 
Es wurde eine klare Rechnung aufgemacht – wenn ein Drittel der Partei bereit wäre nur online abzustimmen, ein Drittel vollkommen dagegen ist und ein Drittel unentschlossen oder keine Meinung habe, soll eher auf das drittel Nonliner zugegangen werden, weil diese eine höhere zuverlässigere Beteiligung als die only Onliner besitzen. – Ökonomische Rechnung, und absolut nachvollziehbar.
 
 
Der Plan ist, dass bis 2019 das erste System steht, welches vollumfänglich die Strukturen der Grünen implementiert.
 
 
Einige Anwesende sprachen auch das Thema, Sicherheit, Verschlüsslung/Datenschutz und Transparenz (Nachvollziehbarkeit) an – mehr als das wurde dazu aber nicht gesagt, es scheint so, als wolle man erst einmal das grundsätzliche Projekt implementieren.
 
 
Viel Lob gab es für die (augenscheinliche) Experimentierfreudigkeit der Piraten. Wir Probieren Dinge aus, lernen aus Fehlern, machen neu, machen besser.
 
 
Ich sagte ganz offen (ich stellte mich als ein Pirat vor), dass ich, nachdem ich höre, über welche Probleme hier gesprochen wird, ich schon fast beruhigt bin (die Versammlung lachte) und ich den Weg und das Vorgehen der Grünen sehr genau beobachten werde.
 
Ich merkte, dass wir den Grünen nach wie vor um einige Jahre voraus sind. Diskussionen welche dort geführt werden, gab es bei uns nie, weil es gleich ein Selbstverständnis war, dass gewisse Dinge vorwiegend Online geschehen.
 
Aber wir Piraten sollten uns auf keinem Fall zurücklehnen – auch wenn die Grünen teilweise noch über Dinge diskutieren, zeigte es sich schon in der Vergangenheit, dass die Grünen, trotzt ihrer Größe und Alters, sehr schnell Wandlungsfähigkeit an den Tag legen können – Situationen könnten sich Parteiintern sehr schnell ändern. – UND, dass das muss gesagt werden, sollten wir Piraten wieder mit einer Steigerung der Umfragewerte aufwarten, wird der parteiinterne Digitalisierungsprozess schneller Fahrt aufnehmen, als es uns Piraten lieb ist.
 
Wir müssen da wieder unsere Experimentierfreudigkeit und unseren Drang nach Innovationen zurückgewinnen – so kannte ich die Piratenpartei, so wünsche ich mir die Piratenpartei!
 
 
Ich habe auch gemerkt, dass wir Piraten in den Augen der Grünen ein wesentlich besseres Bild haben, als wir von uns selber (Im schlechtmachen unserer Leistungen sind wir großartig).
 
 

Hätten die Grünen die Gründung der Piratenpartei „verhindern“ können?

Ich denke nicht.
 
Die Piratenpartei gründete sich nicht nur auf dem Gedanken, die Mitbestimmung, in eine immer schneller werdenden Gesellschaft zu tragen, sondern, es wird nach wie vor, mehr Mitbestimmung der Menschen, den Schutz der Persönlichkeit und sogar das stellen der Systemfragen von den Piraten gefordert.
 
Piraten wollen den Mief mal durchlüften, und diesen nicht einfach nur digitalisieren. – Ja, an vielen Stellen ist uns das gelungen.
 
Ich begrüße es sehr, dass auch die Grünen, nun seit einiger Zeit, dem Thema Netzpolitik mehr Gewicht zugestehen – aber die Arbeit der Piratenpartei ist dadurch noch lang nicht erledigt.
 
 
 
Ich bin Pirat, vielleicht, weil ich auch etwas Rebell bin 😉
 
 
Von Piraten lernen, heißt … anders zu sein, und Selbstbewusstsein zu haben es auch sein zu wollen!