Ist doch Fair, oder?

6. Mai 2013

Der größte deutsche Internetdienstleister für Privatkunden stellt seine Tarifstruktur um – doch dieses Mal geht es durch die Medien, dieses Mal gibt es eine große Aufregung.

Doch was ist dieses Mal anders?

Die Telekom limitiert (drosselt) die Bandbreite nach dem Überschreiten eines gewissen Datenvolumens.

Es sind alle davon Betroffen, die nach dem 2.5.2013 mit der Telekom einen Vertrag abschließen – Neukunden, wie die Telekom selber sagt. Die Drosselung soll, laut Telekom, erst ab 2016 in Kraft treten.

Dabei erhält jeder Vertrag, gestaffelt nach den Geschwindigkeiten, ein jeweiliges Datenkontingent. Die hauseigenen Dienste der Telekom, wie „Entertain“ oder VoIP (Internettelefonie) sind von der Drosselung nicht betroffen (sog. „Managed Services“).

 

Die Telekom verteidigt dieses Vorgehen mit den Argumenten der Gleichberechtigung der Kunden und dem in Zukunft immer weiter steigendem Datenverkehr.

Das Bereitstellen von Bandbreite (Geschwindigkeit) kostet Geld, Verteiler müssen (aus-)gebaut werden. Die Kunden, wollen die Leistung in Anspruch nehmen, die ihnen Vertraglich zusteht.

 

Des Weiteren sagt die Telekom, dass nur 3% Ihrer Kunden über das gesetzte Datenvolumen hinauskommen würden, und diese 3% von den übrigen 97% mitfinanziert werden würden.

Diese 3% sollen dafür verantwortlich sein, dass die Infrastruktur ausgebaut werden muss und dass die Vertragspreise hoch sind.

Die neue Vertragsregelung soll nun dafür sorgen, dass es wieder eine „gerechtere Kostenstruktur“ gibt.

 

Warum die Aufregung?

Die Telekom ist ein gewinnorientiertes Unternehmen und wenn die Drosselung die Preise für einen Großteil der Endkunden nun gerechter gestaltet, dann kann das doch nur gut sein – oder?

Dass die Auslastung der „Leitungen“ kein Grund der Drosselung sein kann, ist offensichtlich.

So ändert die Drosselung wenig an dem Umstand, dass die Bandbreite zur Verfügung gestellt werden muss.

Die Kunden wollen auch vor dem Erreichen der Kontingentgrenze, die Internetleitung mit der vertraglich zugesicherten Geschwindigkeit nutzen.

Große Netzausrüster wie Viprinet bestätigen, dass die interne Infrastruktur der Provider auf „Überkapazität“ ausgebaut wurde und hohe Bandbreiten sehr kostengünstig zu realisieren sind.

Auch die Zahlen des größten deutschen Netzwerkknoten (DE-CIX) besagen eine durschnittliche Belastung von nur 20% – die Betreiber sprechen selten von „Auslastung“.

Die Telekom selber schließt Verträge von bis zu 200Mbit/s, was eindeutig zeigt, dass die Telekom auch in Zukunft freie Ressourcen bei der Bandbreite hat.

 

Damit auch in Zukunft die Inhaltsanbieter ihre Kunden bedienen können, meinte die Telekom, dass andere Anbieter wie Google, Facebook oder Amazon gerne ihre Dienste, gegen ein Entgelt, bei der Telekom als „Managed Service“ eintragen können.

Damit würde der Datenverkehr dieser Firmen nicht mehr vom Datenvolumen abgezogen werden, und noch nach dem Erreichen der Volumensgrenze mit der vollen Geschwindigkeit erreichbar sein.

So bezahlt eine Firma dass man ihr Angebot gut erreichen kann UND der Kunde bezahlt, das man das Angebot des Anbieters gut erreichen / nutzen kann.

So ein Vorgehen, lädt auch zu einem Wildwuchs der Tarife ein.

Die Telekom könnte dem Kunden später Verträge verkaufen, bei denen Facebook oder Google zu den Managed Services gehört, Amazon jedoch nicht – denn dafür gibt es einen anderen Tarif.

Das Sportpaket würde nur Sport bezogene Inhalte in voller Geschwindigkeit zulassen, das Socialmediapaket, nur die soziale Netzwerke und politische Parteien könnten jeweils ihre eigenen Tarife haben.

Das -eine gleiche- Internet gibt es nicht mehr. So können Inhalte nicht mehr einfach geteilt werden, da der Empfänger einen anderen Tarif als der Sender hat, und das Angebot nur in verminderter Geschwindigkeit abrufen kann.

Fraglich ist auch, wie es in Zukunft um Anbieter gestellt ist, die mit hauseigenen Diensten der Telekom konkurrieren, oder Unternehmen, die dabei sind, gegründet zu werden.

Junge Firmen können beim Kapital nicht mit großen Firmen gleichziehen. Man würde Konkurrenz so künstlich ausschalten – ein klarer Nachteil – das ist nicht fair.

 

Netzneutralität?

Die Telekom sagt, dass sie mit ihrem Vorgehen NICHT gegen die Netzneutralität verstoßen – damit hat sie recht.

So wird das TV- und Telefonieangebot nicht als „Internetdienstleistung“ angesehen. Diese Dienste sind also getrennt zu betrachten. Die Situation ändert sich, wenn andere Anbieter sich als Managed Services bei der Telekom eintragen lassen, oder die Telekom mit den Managed Services über die „Grundversorgung“ hinausgeht.

Denn auch in Zukunft werden alle Datenpakete gleich schnell oder gleich langsam von der Telekom zugestellt, nur die „Auswirkungen“ der Datenpakete sind unterschiedlich. So haben Datenpakete die nicht von den „Managed Services“ kommt, einen Einfluss auf das zur Verfügung stehende Datenvolumen – die anderen nicht.

Die Netzteutralität besagt aber klar „Jedes Datenpaket wird gleich behandelt“, und das trifft eben nicht zu. Weder vor noch nach der Drosselung eines Anschlusses.

Das wäre dann ein klarer Verstoß gegen die Netzneutralität.

 

Die Bestandskunden

Nun sind also alle Neukunden davon betroffen – alle Kunden die ab dem 2.5.2013 ihren Vertrag abschließen.

Die Telekom wird in den kommende Jahre die analogen Telefonanschlüsse abschalten und bis 2018 voll auf VoIP setzten, dadurch kommt es für Bestandskunden zu einer Vertragsänderung wodurch diese dann wieder den Status eines Neukunden haben und von der Drosselung betroffen wären.

Bis 2016 dürfte ein Großteil der Kunden eine Vertragsänderung hinter sich haben.

 

Fair für den Kunden?

Da die Vergangenheit zeigte, dass der Datenverkehr im Internet alle drei Jahre um das Dreifache steigt, dürften im Jahr 2016 nicht nur 3% der Telekomkunden betroffen sein, sondern ein Großteil der Kunden.

Die Telekom sagt selber, dass der „Durchschnittskunde“ 20-30GB Datenverkehr im Monat erzeugt, die 75GB sind 2016 mit heutigen 25GB vergleichbar.

Die Vertragspreise für Neukunden sollen gegenüber den Bestandskunden nicht gesenkt werden, obwohl diese eine geringere Leistung erhalten.

Auch das ist nicht fair…

 

Letzte Worte

Das Vorhaben der Telekom sieht auf dem ersten Blick nachvollziehbar aus – es zeigt sich jedoch, dass es für Inhaltsanbieter wie auch für den Kunden nur von Nachteil ist. Das Vorgehen zielt klar darauf ab, zusätzliche Einnahmen durch die Inhaltsanbietern zu generieren, die Kunden müssen die Rolle der Geisel einnehmen.

Ein Medium, welches so wichtig für die Verbreitung von Informationen ist und ein so großes wirtschaftliches Gewicht besitzt, darf nicht durch die Willkür einzelner Unternehmen leiden, welche durch ihr Vorgehen einen Wirtschaftlichen Schaden in einem Land anrichten, welches den Status der technologischen Vorreiterrolle inne haben will.

Es ist wichtig, dass das Internet nicht in unterschiedliche Dienste fragmentiert um auch in Zukunft leicht Informationen miteinander zu teilen und so auch das immer größer werdenden „Wissen“ auch unseren Kindern zugänglich zu machen.

Das Internet darf kein Medium für „besser verdienende“ werden, die Informationen sollte jeder Mensch gleich gut und gleich schnell abrufen können und dürfen.