Rückzug meiner Kandidatur – wie es weitergeht

8. Dezember 2017

„Und damit ziehe ich meine Kandidatur zurück“

So endete meine Vorstellung zur Kandidatur als Vorsitzender der Piratenpartei NRW.
So endet meine Zeit im Landesvorstand der Piratenpartei NRW.

 

Die ersten Sekunden

In den ersten Sekunden wollte ich nur weg. Nach hinten, vielleicht raus. Die Augen füllten sich mit Tränen, ich schaute nach vorne. Ich erntete Beschimpfungen, ob ich „vollkommen bescheuert wäre“ – es war die Verunsicherung, die aus den Leuten sprach. Meine Sicht wurde immer trüber, Leute strömten auf mich zu, stellten Fragen, wollten wissen was los sei. Die Augen schmerzten bei dem Versuch die Tränen zurück zu halten. Ich griff nach einem Stuhl. -> Die Treppe nach oben schaffte ich mit den vorhandenen Kräften nicht mehr – ich setzte mich, die Tränen liefen.

 

Die Entscheidung

Der Parteitag hatte eine Stimmung, welche mir nicht gefiel. Für die Errungenschaften der gesamten Partei seit dem letzten Parteitag gab es kaum Applaus. Es hatte fast den Eindruck, als sei die Anwesenheit auf dem Parteitag mehr Gewohnheit, als der Ort der „Zusammenkunft“ um die Partei politisch weiter zu entwickeln.
Ich war mir seit Wochen nicht sicher ob ich weitermache, es war Tagesformabhängig. Die Stimmung vor Ort ließ das Pendel dann aber in eine Richtung ausschlagen.

Während meiner „Rede“ war es still – gefühlt wollte jeder hören was ich zu sagen hatte. Kein rascheln, kein Quatschen und kein Laufen – Ruhe, als ahnte viele das Unerwartete.

Die Entscheidung fiel schlussendlich in meiner Rede. Ich sagte zuvor H3rmi bescheid, dass ich an mit sicher grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende meiner Rede zurückziehen werde.
Ich informierte nur H3rmi, denn wir kandidierten zusammen – NIEMAND anderes wusste davon.
Es steckte keine Taktik dahinter. Es gab keinen „Kreis“ der eingeweihten.
Die Entscheidung fiel mir so schwer wie kaum eine andere im Leben – Ich hinterfragte ALLES – politische Ziele, die Partei, Mich.

 

Die Stunden danach

Nach den ersten zehn Minuten konnte ich die Emotionen zunehmend unter Kontrolle bringen.
Es suchten mich viele Leute auf, die meisten vergewisserten sich wie es mir geht. Wenige suchten ein Gespräch.
Einige brachten mir auch ihre Enttäuschung bei – sie seien enttäuscht, dass ich nicht noch mal kandieren würde.
Über den Tag brachten sehr viele Menschen ihre Anerkennung zum Ausdruck. Das Nicken, das Lächeln oder der persönliche Dank taten gut, taten sehr gut. Es füllte die Akkus wieder etwas auf, welche ich drei Jahre beansprucht habe.
Es wurden ohne mein Wissen Taktiken geschmiedet, wie man mich doch wieder als Vorsitzender einbringen könnte etc. – sobald ich davon erfahren habe, schlug ich aus.
Der Zuspruch in den Stunden danach war für mich überraschend und schon fast überwältigend – Danke, von ganzen Herzen!

 

Die Gründe

Es gab nicht DEN Grund – lasst mich erläutern.
1188 Tage war ich nun im Landesvorstand, zuvor im Vorstand des KV Herford und davor Kassenprüfer im KV Herford – letzteres neun Monate bevor ich Mitglied geworden bin.
Wenn man es genau nehmen würde, war ich in der Partei noch nie ohne Amt. Von den 1750 Tagen meiner Mitgliedschaft in der Partei, habe ich 68% der Zeit im Landesvorstand (LaVo) sein dürfen.

Die Zeit im LaVo hat zwei „Liebschaften“ und eine Beziehung überstanden. Nur die aktuelle Windows Installation auf meinem Rechner hat länger durchgehalten 🙂

 

In anderen Parteien würde mein Werdegang als „kometenhafter Aufstieg“ betitelt werden. Dabei wollte ich nicht hoch hinaus, sondern wollte an den Erfahrungen wachsen und das der Partei zurückgeben.

Damals wurde mir auf den Stammtischen in OWL gesagt, dass, selbst wenn ich mich auf den Kopf stellen würde, niemand aus OWL in den Landesvorstand gewählt werden würde. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich Vorsitzender werden würde – ich hätte gelacht.

Durch diese Aussagen merkte ich schon sehr früh, dass Menschen sich „irgendwie“ repräsentiert fühlen möchten. Warum ist es so wichtig woher jemand kommt? Können nur Leute aus einem Gebiet gute Entscheidungen für dieses Gebiet treffen und sonst für kein anderes?
Oder kann Zusammenhalt nur dadurch entstehen, wenn man sich von anderen („den Rheinländern“) abgrenzt?

 

Den parteiinternen Wahlkampf gab es schon immer. Es brachten sich einige Kandidierende in Stellung, manche machten Fairplay andere nutzen unlautere und fragwürdige Mittel.
Statt die eigenen Eigenschaften und Fähigkeiten darzulegen um sich als potentiell wählbar darzustellen, fiel es leichter, mit dem Finger auf andere zu zeigen und vermeitlich einfache Lösungen präsentieren.
Selten (aber viel zu häufig) wurde solche Leute in Verantwortungsvolle Positionen gehoben.

 

Der zurückliegende innerparteiliche Wahlkampf zum Landesvorstand kam mir persönlich sehr intensiv vor. Ich hatte das Gefühl, als würde viel Porzellan zerschlagen werden. Es wurden nicht nur Themen oder Konzepte angeführt, sondern manch ein Kandidat versuchte Personen zu beschädigen oder nahm es in Kauf – sei es durch die Kommunikation in sozialen Netzwerken, das persönliche Gespräch mit Dritten oder in Blogposts.

Teilweise entbrannten „Stellvertreterkriege“ in den Sozialen Netzwerken. Man müsse ja nur Person XY wählen, denn er käme aus folgender Region oder habe zumindest feste Zusagen gemacht, sich darum zu „kümmern“. Es gipfelte darin, dass sich Personen aus unterschiedlichen Regionen stritten und immer noch streiten.

 

Ich sprach in meiner Rede und in einem Blogpost davon, dass die Partei nicht nur Geld, sondern eben auch Zeit einsparen soll – Ein Paradigmenwechsel.
Wenn es durch das Einsparen von Geld zu einer erhöhten zeitlichen Belastung für Personen kommt, haben diese nicht nur irgendwann keine Lust mehr, sondern sie kommen auch nicht zu dem was wir alle wollten – Politische Ideen entwickeln und umsetzten.
Der zukünftige Vorstand, solle den Mitgliedern, die Zeit zum Träumen geben und Freiräume schaffen – das war Inhalt meiner Rede.
Als Partei wollen wir Innovativ, Kreativ, Erfinderisch, Motiviert und „Cool“ sein, um die Gesellschaft zu begeistern. Jeder von uns hat das Potential dazu, kaum jemand kommt dazu es zu nutzen. Die wenigsten wissen, wie wir das erreichen.

 

Die Jahre im LaVo, die Wochen der Kandidatur und die Minuten auf dem Landesparteitag zeigten mir immer mehr, dass viele (zu viele?) sich lieber mit Posten und Abgrenzung beschäftigen wollten, als neue Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen.

 

Die weiteren Gründe

Routine

Vorstandsarbeit kann auch bedeuten in einer Tretmühle zu sitzen, um das Tagesgeschäft zu erledigen.
Auf diese Tretmühle hatte ich keine Lust mehr – wenn ich von frischen Ideen und Paradigmenwechsel spreche, denn muss auch der Vorstand mit gutem Beispiel vorangehen.
Bei den möglichen Kandidatenkombinationen war ich davon überzeugt, dass es laut Satzung zu einem handlungsfähigen Vorstand kommen wird, aber es mir fiel schwer, einen großen Wechsel mit dem Potential vorzustellen.

 

Ein schlechtes Ergebnis

Dabei geht es nicht um meine Eitelkeit, sondern um Rückhalt.
Anfangs kandidierten vier Personen auf das Amt des Vorsitzenden. Vier Personen, welche sich gegenseitig Stimmen streitig machen würden.
Ein Vorsitzender, der von einem Wechsel spricht, benötigt auch einen großen Rückhalt innerhalb der Parteibasis. Versteht mich nicht falsch, ich rede nicht von 95% oder ähnliches. Es geht darum, dass sich die Partei breit hinter jemanden aufbauen kann. Ergebnisse welche unter dem magischen zwei Drittel liegen, sorgen immer wieder für Diskussionen. Zu groß kann eine Gruppe sein, welche nicht mitzieht.
Dabei geht es auch nicht um medialen Symbolcharakter, sondern um eine klare Linie, die die Partei verfolgen möchte.
Vielleicht habe ich das persönlich versäumt. Versäumt genügend Werbung für meine Linie zu machen. Versäumt genügend Werbung für meine Person zu machen.
Ich hatte das Gefühl, als würde mein Ergebnis, welches ich bekommen könnte, nicht gut genug sein, so, dass große Teile (eine kritische Masse) nicht hinter mir stehen. – Das Mandat, dass ich von der Partei erhalten könnte, würde nicht stark genug sein.

 

Lernkurve

In den letzten drei Jahren habe ich viel gelernt – So viel, dass ich vielleicht separat darüber schreiben werde. Jedoch habe ich wahrgenommen, dass meine Lernkurve abfällt. Immer häufiger wiederholten sich Aufgaben, immer häufiger waren es die selben Probleme die gelöst werden mussten – es wurde Routine.
Meine Befürchtung war, dass ich meinen eigenen Anspruch an Entwicklung nicht gerecht werden könnte, die anfallenden Aufgaben kaum ändern würden. – Nicht, weil ich keine Ideen hätte, sondern weil mir die Zeit durch die Routineaufgaben gestohlen wird.

 

Neuwahl

Es gab/gibt auch die Gefahr einer Neuwahl auf Bundesebene – hier wieder die organisatorischen Weichen zu stellen, am Ende aber keine Weiterentwicklung der Partei zu vollziehen, wollte ich nicht.
In der Landtagswahl 2017 versuchte ich durch das Momentum der Motivation der Landespartei möglichst viele nachhaltige Strukturen zu schaffen, von denen wir auch noch nach dem Wahlkampf profitieren könnten. Leider ist mir das, trotz erheblichen persönlichen Zeiteinsatzes, eher in wenigen Fällen gelungen.

 

Die Zukunft

Ich bin nicht weg!
Ich bin nicht ausgetreten!
Ich werde meinen Geburtstag und Weihnachten feiern und mit meiner Piratentasche den 34C3 besuchen.
Nach wie vor bin ich stolz auf diese Partei – auf ihre Leistungen und auf das Umdenken in der Politik, zu dem sie beigetragen hat.
Vielleicht werde ich wieder zu meinen Hobbys dem Fotografieren und Radfahren kommen.
Ein paar Kilos weniger würden mir auch guttun – da hat sich in den vergangenen Jahren etwas zu viel angesammelt. :/
Ich werde mir Zeit zum nachdenken nehmen…

 

Lernen uns als Partei neu zu erfinden und zu reflektieren (nicht selbst zu beschäftigen).
Wie ich in meiner Rede erwähnte, es sollte nicht unser Anspruch sein, Wahlkampf für Wahlkampf das Programm aus den Jahren zuvor nur zu kopieren.
Unsere grundpolitischen Ziele wurden zu einer Zeit formuliert, als MySpace das größte soziale Netzwerk, als Spotify, Soundcloud oder das Smartphone in seiner heutigen Form noch nicht erfunden waren.
Das Smartphone oder Tablet ist in vielen Haushalten mittlerweile nicht nur der leistungsstärkste, sondern der einzige Computer.
Unsere Ziele sind nicht falsch, die digitale Wissensgesellschaft entwickelt sich jedoch sehr schnell weiter.

 


 

Weiterentwickeln um diese Gesellschaft anzusprechen

YouTube hatte zur Parteigründung ein paar tausend Videos, heute ist es als Synonym für eine ganze Generation. Eine Generation, die neue Ansprüche der Ansprache und neue Probleme hat.

Raum für Kreativität geben, damit Ideen und Lösungen entstehen können. Von Lippenbekenntnissen wird es nicht besser.
Nehmt euch Zeit – investiert Energie Nachhaltig und nicht großflächig.

 

Ich schließe nichts aus – ich sagte nichts zu!
Wir werden uns wieder sehen … ich habe da ein paar Ideen! 😉